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Lisanne Gleichmann
Lisanne Gleichmann

Das ist und bleibt meine Welt

Tragischer Unfall in einer Silvesternacht / BGN hilft umfassend


Akzente 2/2015 Magazin für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Rehabilitation

Die Silvesternacht 2013/2014 wird Lisanne Gleichmann nie vergessen. Es war ihr erster Arbeitstag bei einem neuen Arbeitgeber. Ihre Arbeit fing um 0:00 Uhr des 1. Januars 2014 an. 10 Minuten später explodierte ein Feuerwerkskörper direkt vor ihrem Gesicht, als sie im Außenbereich des Restaurants Sekt an die Gäste ausschenkte. Sie verlor das linke Augenlicht.


von Elfi Braun

Ein Jahr nach ihrem tragischen Unfall sitzen wir mit Lisanne Gleichmann in dem Restaurant, in dem der Unfall passiert war. Sie erzählt: "Ich habe nichts falsch gemacht. Ich bereue nicht, dass ich damals den Betrieb gewechselt habe und hierher gekommen bin." Starke Worte einer Frau, die ihr Leben lang mit den Unfallfolgen zurechtkommen muss.
Dank bester medizinischer Betreuung und intensiver psychologischer Hilfe, um die sich BGN-Rehamanager Stefan Neuhoff kümmerte, und dank der umfassenden Unterstützung durch die BGN hat sie es geschafft, hierher zurückzukehren.
7 Monate nach dem Unfall nahm Lisanne Gleichmann ihre Arbeit wieder auf – zuerst stundenweise, nach 3 Wochen wieder Vollzeit. Sie erinnert sich: "Es war anfangs natürlich nicht schön, hierher zurückzukommen. Aber die Arbeit hat mir auch geholfen, dass ich den Unfall verarbeitet habe. Die Erfahrung, trotz meiner Einschränkungen etwas gut hinbekommen zu haben, war sehr wichtig."

Die richtige Entscheidung
Wer Lisanne Gleichmann bei der Arbeit erlebt, erkennt, dass sie hier richtig ist. Sie ist Restaurantfachkraft mit Leib und Seele: "Ich brauche die Menschen um mich herum und wollte noch nie etwas anderes machen." Die ausgebildete Hotelfachkraft hatte ihre bisherige Stelle als Restaurantleiterin in einem Hotel zum 31.12.2013 aufgegeben, weil sie dort ausschließlich in der Spätschicht arbeitete. Sie erzählt: "Nach einigen Jahren wollte ich das nicht mehr. Hier arbeite ich mal früh, mal spät. Die Arbeit und das Team machen mir großen Spaß."
Ihr Chef ist sehr froh, dass sie trotz des schlimmen Erlebnisses zurückgekommen ist und bleibt. Weil sie schon früher hin und wieder bei ihm im Restaurant ausgeholfen hatte, weiß er: Lisanne Gleichmann hat alles, was eine gute Restaurantfachkraft ausmacht: soziale Kompetenz, rasches Auffassungsvermögen, gute Organisationsfähigkeit, Sorgfalt. All das hat sich durch den Unfall nicht geändert. Anders aber fühlt sich ihr Leben an.

Bei wenig Licht habe ich zu kämpfen
Lisanne Gleichmann: "Es hat gedauert, bis ich mich so akzeptieren konnte und wieder in die Öffentlichkeit ging." Auf dem erblindeten Auge trägt sie eine spezialangefertigte Kontaktlinse. Eine Schönheitskorrektur rund um das Auge lässt die Folgen der schweren Gesichtsverletzungen kaum noch erkennen. Ihr Gesichtsfeld ist eingeschränkt, und es hat lange gedauert, bis sie das fehlende räumliche Sehen kompensieren konnte. Sie erzählt: "Bei wenig Licht habe ich zu kämpfen, besonders wenn ich etwas in ein Glas einschenken muss."
Dass Lisanne Gleichmann so gut in ihren Beruf und an diesen Arbeitsplatz zurückgefunden hat, verdankt sie auch der frühzeitigen psychologischen Betreuung. Der Rehamanager hatte ihr diese Hilfe dringend empfohlen, um das Erlebte aufzuarbeiten. Auch jetzt noch unterstützt die Psychologin sie hin und wieder dabei, ihren Arbeitsalltag in der Öffentlichkeit immer selbstverständlicher zu meistern. Rehamanager Stefan Neuhoff ist mit Lisanne Gleichmanns Entwicklung sehr zufrieden und betont: "Sie hat immer gut mitgezogen, und so kamen wir bei dieser Schwere der Verletzung sehr schnell vorwärts."

Beste Unterstützung durch die BGN
Lisanne Gleichmann weiß die Hilfe der BGN zu schätzen: "Ich hatte immer die beste Unterstützung und habe die BGN immer als Partner erlebt. Ganz unbürokratisch. Herr Neuhoff hat sich gleich gekümmert, zeitnahe Arzttermine vereinbart und mich dorthin begleitet. Er hat mir die Möglichkeiten aufgezeigt, was die BGN für mich tun kann. Auch eine Umschulung mit Unterstützung durch die BGN hat er mir angeboten, wenn ich durch das eingeschränkte Gesichtsfeld und das fehlende räumliche Sehen die Servicearbeit nicht mehr schaffe. Klar war immer: Ich allein entscheide, was gemacht wird."
Noch versteckt Lisanne Gleichmann das linke Auge hinter einer Haarsträhne. Sie erzählt: "Einmal habe ich die Haare aus dem Gesicht nach hinten gesteckt und bin zur Arbeit gegangen. Dort aber habe ich es schnell wieder rückgängig gemacht. Das schaffe ich momentan noch nicht." Aber auch das wird ihr noch gelingen. In der Silvesternacht nach draußen gehen, das wird sie aber nie mehr machen. Beim Jahreswechsel 2014/2015 hat sie im Restaurant gearbeitet – im Innendienst.

Lisanne Gleichmann: "Die Arbeit hat mir geholfen, dass ich den Unfall verarbeitet habe.
Die Erfahrung, trotz meiner Einschränkungen etwas gut hinbekommen zu haben, war sehr wichtig."