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Industrie 4.0 // Aspekte einer neuen Arbeitswelt
Industrie 4.0 // Aspekte einer neuen Arbeitswelt

Alles so schön digital?

Aspekte einer neuen Arbeitswelt
Von Andreas Stoye
Akzente 5.2016 | Magazin für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Rehabilitation

Die Vernetzung von Maschinen und Prozessen steht im Fokus von Industrie 4.0. Insgesamt geht es aber um mehr: Die umfassende Digitalisierung betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche. Es könnte sein, dass die Bewältigung der technischen Herausforderungen der leichtere Teil des Gesamtprozesses "Digitalisierung" ist. Ein Blick auf Aspekte abseits der Technik.


Die Fabrik der Zukunft hat zwei Mitarbeiter – einen Mann und einen Hund. Der Mann füttert den Hund, und der passt auf, dass der Mann die Maschinen nicht anfasst(1). Diese Witzelei des US-amerikanischen Ökonomen Warren Bennis vor rund 25 Jahren hebt darauf ab, was viele Zukunftsmodelle prognostizierten: die menschenleere Fabrik.
Verwirklicht hat sich diese Vision jedoch nicht. Zwar ist die Automatisierung durch beeindruckende Ingenieursleistungen sehr weit vorangeschritten. Aber wie in den Entwicklungsepochen zuvor hat die technische Weiterentwicklung nicht zur Ablösung des Menschen durch Maschinen geführt. Stattdessen haben sich viele Arbeitsinhalte verändert. Neue Inhalte mit neuen Anforderungen.

Neue Beschäftigungsformen in flexibler Umgebung
Bestandteil vernetzter Produktionssysteme ist natürlich nicht nur die Technik, sondern auch und vor allem der Mensch. Die Einbeziehung des Menschen erfolgt heute durch eine Vielzahl von Beschäftigungsmodellen: z. B. Teleheimarbeit, virtuelle Teamarbeit und Crowdworking in unterschiedlichen Ausprägungen. Viele Arbeitsvorgänge lassen sich von überall und zu jeder Zeit erledigen. Das passt gut in das Konzept der Work-Life-Balance. Dennoch bedeutet es einen Eingriff in die zeitliche Souveränität des Einzelnen. Es wird klarer Regeln bedürfen, um die Balance von Arbeit und Privatem tatsächlich zu erhalten.

Weniger Gefährdungen
Die Technik beseitigt viele Gefährdungen. Zum Beispiel, indem Roboter körperlich belastende Arbeiten in der Kommissionierung übernehmen. Die Gefährdungen durch Heben und Tragen sind nicht mehr vorhanden. Und ja: Auch die Arbeitsplätze mit diesen Gefährdungen sind dann nicht mehr vorhanden. Dennoch wäre das Argument des Jobkillers Maschine zu kurz gegriffen. Tatsächlich werden Verschiebungen zwischen Berufsgruppen erwartet, aber keine signifikanten Arbeitsplatzverluste(2).

Lebenslange Qualifizierung
Die Notwendigkeit lebenslanger Qualifizierung ist nicht neu. Doch das vorhandene Wissen veraltet zunehmend schneller. Eine Aktualisierung des erworbenen Wissens wird zukünftig häufiger erforderlich. Qualifizierung und Weiterbildung erlangen eine noch stärkere Bedeutung. Der Bedarf wächst, Lerninhalte so zu vermitteln, wie es die Lebenssituation der Beschäftigten erfordert. Flexible Beschäftigung braucht flexible Wissensvermittlung.

Verbesserte Teilhabe
Mit Hilfe digitaler Assistenzsysteme, z. B. in Form von Datenbrillen, können Personen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Kompetenzen eingesetzt werden. Gleichzeitig kann eine hohe Qualität in der Ausführung der Arbeitsaufgabe gewährleistet werden.
Vor diesem Hintergrund lassen Assistenzsysteme eine verbesserte Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben erwarten. Kollaborierende Roboter könnten Personen bei bestimmten Tätigkeiten unterstützen. Mit diesen Helfern könnten Arbeitsfelder erschlossen werden, die bisher für Personen mit Behinderungen nicht geeignet waren. Der Inklusion als gesellschaftlicher Aufgabe stehen neue Wege offen.

Ethik in der Arbeitswelt
Vernetzte Produktionssysteme können es für den Einzelnen schwer machen, seine Rolle im Gesamtsystem zu erkennen. Es wird kaum ausreichen, einem Beschäftigten eine Datenbrille aufzusetzen und ihn nach den angezeigten Anweisungen arbeiten zu lassen. Die Berücksichtigung des Menschen als Teil einer sozialen Gemeinschaft wird mit zunehmender Komplexität der Wertschöpfungsketten immer wichtiger.
Damit verbinden sich Fragen, nach welchen ethischen Grundsätzen technische Systeme auszulegen sind. Das betrifft u. a. den Grad der Selbstbestimmtheit des Menschen im Arbeitsprozess und wie das Zusammenwirken von technischen Systemen und Menschen gestaltet werden soll.

Zukunftssicherer Arbeitsschutz
Schon allein diese wenigen Aspekte verdeutlichen, wie tiefgreifend und vielschichtig die Veränderungen in der Arbeitswelt sein werden. Folglich ergeben sich auch für die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz neue Herausforderungen. Das beginnt bei der Frage nach den Verantwortlichkeiten für den Arbeitsschutz bei vernetzten Systemen. Das betrifft die Berücksichtigung der neuen Beschäftigungsformen. Das gilt für die Risikobeurteilung von Maschinen. Der gewohnte Startpunkt "Definition der Maschinengrenzen" wird bei vernetzten Systemen nur noch bedingt oder gar nicht tauglich sein. Gleiches gilt für die Gefährdungsbeurteilung, die sich stärker am Systemcharakter orientieren muss.

Bereits jetzt stellt sich die BGN auf diese Entwicklungen ein. Präventionsansätze werden diskutiert. Dienstleistungsangebote werden geprüft. Kompetenzen werden aufgebaut. So bleibt die BGN auch zukünftig ein starker Partner der Betriebe.

(1) Josef Joffe "Feierabend forever!", DIE ZEIT, 10.03.2016 (2) Digitalisierung der Arbeitswelt, Werkheft 1, S. 40 ff., BMAS, März 2016; Download-Link: www.bgn.de Shortlink = 1534