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Amputationsgefahr in der Zellenradschleuse
Amputationsgefahr in der Zellenradschleuse

Amputationsgefahr in der Zellenradschleuse

Gefährliche Scherstellen werden immer wieder unterschätzt
Von Dr. Dieter Gatzky
Akzente 5.2016 | Magazin für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Rehabilitation

Zur Beseitigung fester Verkrustungen und von Schüttgutbrücken wer- den Zellenradschleusen geöffnet. Dabei verlieren Mitarbeiter immer wieder Fingerglieder, Finger und Hände – oft, weil die Maschinen nicht sicher stillgesetzt werden.


Im Normalbetrieb sind die Gefahrstellen der Zellenradschleusen nicht erreichbar. Anders, wenn diese Maschinen z. B. zur Reinigung oder Instandsetzung geöffnet werden. Das jetzt zugängliche rotierende Zellenrad erzeugt am Gehäuse ober- und unterhalb der Schleuse gefährliche Scherstellen. Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung müssen die konkreten Betriebsbedingungen und Gefährdungen analysiert und geeignete Schutzmaßnahmen entwickelt werden.

Gefahren erkennen
Feste Verkrustungen im Gehäuseinnenraum verursachen Verschmutzungen, die auch zu hygienischen Risiken führen können. Um alle Zellen säubern zu können, wird oftmals der Antrieb wieder eingeschaltet.
Der kleine Einlaufquerschnitt einer Zellenradschleuse verursacht bei pulverförmigen Gütern in Silos oftmals Brückenbildungen, die den Produktionsablauf beeinträchtigen. Arbeitsanweisungen zur sicheren Störungsbeseitigung sind oftmals nicht vorhanden oder werden ignoriert. Verhaltensfehler können dann folgenschwere Unfälle verursachen.


Unfälle an Zellenradschleusen

Futtermittelwerk
Bei der turnusmäßigen Reinigung der Zellenradschleusen entfernte ein Mitarbeiter mit einem Werkzeug Verkrustungen. Über eine Revisionsöffnung gelangte er in den Bereich des Zellenrades und reinigte bei stehender Schleuse. Um restliche Zellen zu erreichen, schaltete er kurzzeitig mit der anderen Hand den Antrieb der Schleuse ein. Er verlor die Fingerkuppen von Zeige-, Mittel- und Ringfinger.

Kräutermühle
Ein Mitarbeiter säuberte den Einlaufstutzen einer mobilen Zellenradschleuse bei laufendem Zellenrad. Dabei rutschte er mit der Hand ab. Das erste Glied des Mittelfingers wurde abgetrennt.

Mühle
Ein Stromausfall hatte zu Verstopfungen in der Mehlförderanlage geführt. Rohrleitungen wurden entfernt und die Verstopfung behoben. Um den Zellenradlauf zu prüfen, steckte ein Mitarbeiter einen Finger durch eine vorhandene Bohrung. Der Finger wurde dabei teilweise abgetrennt.

Mälzerei
Oberhalb der Zellenradschleuse hatte sich eine Schüttgutbrücke gebildet. Zwei Mitarbeiter sollten die Betriebsstörung beheben. Während der eine versuchte, die Verstopfung zu beseitigen, schaltete der andere die Zellenradschleuse ein. Seinem Kollegen wurde das erste Glied des linken Zeigefingers amputiert.

Mehlmühle
Um eine Brückenbildung oberhalb der Schleuse zu beseitigen, baute ein Mitarbeiter ein Schauglas aus. Als er auf dem mit Mehl verunreinigten Fußboden ausrutschte und das Gleichgewicht verlor, geriet er mit drei Fingern in den Wirkbereich des Zellenrades. Die Fingerendglieder wurden abgetrennt.

Kakaoverarbeitender Betrieb
Ein Mitarbeiter führte bei laufender Zellenradschleuse Reinigungsarbeiten aus. Der vorhandene Wartungsschalter wurde nicht zum Ausschalten und Sichern des elektrischen Antriebs verwandt. Der Mitarbeiter verlor eine Hand.


Sichere Lösungen entwickeln
Es sind Lösungen anzustreben, bei denen Mitarbeiter bei ihren Tätigkeiten nicht gefährdet werden. Technische Maßnahmen sind organisatorischen vorzuziehen.

Revisionsklappen und Schaugläser können elektrisch mit dem Antrieb verriegelt sein. Konstruktive Sicherheitsabstände nach DIN EN ISO 13857 zwischen z. B. Revisionsöffnung und Zellenrad sind unbedingt einzuhalten, wenn der Durchgriff zur Gefahrstelle möglich ist. Eine elektrisch nicht verriegelte Revisionsöffnung sollte in einem Abstand von mindestens 850 mm von der Gefahrstelle angebracht sein.

Das Reinigen der Zellenräder und des Gehäuseinnenraumes durch Absaugen oder Wasserstrahl muss bei sicherem Stillstand der Zellenradschleuse erfolgen. Der elektrische Antrieb der Zellenradschleuse wird ausgeschaltet und gegen Wiedereinschalten gesichert. Erst dann kann mit der mechanischen Säuberung begonnen werden. Für verkettete Produktionsanlagen eignen sich komplexe Wartungs- oder Reparatursicherungen (LOTO: Lockout-Tagout).

Bei hartnäckigen Verkrustungen des Innenraumes muss das Gehäuse geöffnet werden. Schnellverschlüsse an der Stirnseite der Zellenradschleuse erleichtern hier die Reinigung. Bevor zur Störungsbeseitigung Revisionsklappen oder Schaugläser geöffnet werden, ist der Antrieb der Zellenradschleuse stillzusetzen und gegen Wiedereinschalten zu sichern. Erst dann dürfen Brücken und Verfestigungen manuell gelöst werden.

Handverletzungen durch scharfkantige Zellenräder können durch Blechronden verhindert werden, die mit einer abschließbaren Manschette den Zugriff zu den Gefahrstellen verhindern. Grundsätzlich sind Arbeiten am offenen Zellenrad nur mit schnitthemmenden Schutzhandschuhen durchzuführen.

Wichtig: Mitarbeiter unterweisen
Bevor Reinigungs-, Wartungs- oder Instandsetzungsarbeiten begonnen werden, müssen die Mitarbeiter über die Tätigkeiten unterwiesen werden. Hilfreich ist eine auf die Gegebenheiten zugeschnittene Betriebsanweisung. Sie beschreibt den Anwendungsbereich, weist auf bestehende Gefahren hin und macht detaillierte Vorgaben für erforderliche Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln.

Eine Musterbetriebsanweisung für Arbeiten mit Zellenradschleusen finden Sie unter: www.bgn.de, Shortlink = 1533