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Holger Otto in seinem Hotelbetrieb
Holger Otto in seinem Hotelbetrieb

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Newsletter 6|2014

Ein mutiger Entschluss

Unterschenkelamputation beendet lange Leidenszeit


Akzente 3/2014 | Magazin für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Rehabilitation

Holger Otto, Geschäftsführer des Landhotels "Naafs-Häuschen" in Lohmar, veränderte mit einer drastischen und mutigen Entscheidung sein Leben. Um mobiler und belastbarer zu werden, ließ er sich den rechten Unterschenkel amputieren, der seit einem Verkehrsunfall vor 24 Jahren schwer geschädigt war. Fünf Jahre später lief Holger Otto mit Prothese seinen ersten Marathon. Die BGN unterstützt ihn bis heute.


von Klaus Scholl

24 Jahre lang hatte sich Holger Otto mit seinem schwer geschädigten rechten Unterschenkel oft mehr schlecht als recht durchs Leben bewegt. Dann wurde der Leidensdruck irgendwann zu groß. Die Entzündungen häuften sich, die Behandlungszeiten wurden länger. Der Hotelier hatte genug von Krankenhausaufenthalten, Medikamenten und ständigen Schmerzen. Er entschloss sich, den Unterschenkel amputieren zu lassen. Gegen die ärztliche Empfehlung.

Er erzählt: "Schlimmer konnte es ja nicht mehr werden, nur besser. Ich war mir sicher, dass das mit einer modernen Prothese gelingen würde." Es gelang. "Seit der Operation habe ich ein völlig neues Körpergefühl", erzählt er. "Ich kann laufen und rennen und im Betrieb überall anpacken, wo es nötig ist."
Als seine Leidensgeschichte begann, war Holger Otto gerade einmal 16 Jahre alt. Für den elterlichen Gastronomiebetrieb unterwegs hatte er einen Mopedunfall. Sein rechter Fuß und Unterschenkel waren völlig zertrümmert. Operation folgte auf Operation. Richtig auf die Beine brachten sie ihn nicht wieder. Die Belastbarkeit und Beweglichkeit des rechten Beins blieben dauerhaft eingeschränkt. Acht Zentimeter Längenunterschied zwischen beiden Beinen bereiteten ihm motorische Probleme. Immer wieder plagten ihn Entzündungen am verletzten Bein. Und immer wieder musste Holger Otto damit zurechtkommen. Bis er nicht mehr konnte und auch seine Arbeit zu sehr eingeschränkt wurde.

Zunehmend fiel es ihm schwerer, in dem Familienbetrieb, den er seit 1998 führt und zum Hotelbetrieb mit rund 40 Mitarbeitern ausgebaut hat, mit anpacken zu können, wie er es gerne wollte. Stattdessen musste er zwischendurch immer wieder Erholungspausen einlegen. Otto: "Ich musste mich nachmittags zwei Stunden hinlegen, damit ich abends noch mal hinter der Theke arbeiten konnte." Jede körperlich anstrengende Arbeit verlangte eine sorgfältige Vorbereitung. Ausgleichssport in der Freizeit, den er sich dringend wünschte, war undenkbar.

Laufen wie Forrest Gump
Die Amputation ebnete tatsächlich den Weg für mehr Lebensqualität. Zusammen mit seinem Orthopädie-Techniker arbeitete Holger Otto intensiv an der Anpassung und Weiterentwicklung seiner Prothesen. Neben dem Alltagsbein, das eher mechanisch und robust konstruiert ist, ließ er sich auch eine spezielle Laufprothese (C-Feder) anpassen. Dieses Hightech-Gerät hat eine stärkere Federkraft und ist mit einer elektronisch gesteuerten Vakuumpumpe ausgestattet, die für eine feste Verbindung zum Beinstumpf sorgt. Mit dem Gebrauch beider Prothesen machte er sich schnell vertraut. Dennoch brauchte er etwa ein halbes Jahr, bis er sein neues Bein voll belasten konnte.

Kaum noch konnte er seinen Eifer, wieder losrennen zu können, im Zaum halten. Dann der erste Versuch. Holger Otto erzählt: "Ich lief los und nach 100 Metern war ich am Ende. Nicht weil das technisch nicht funktionierte. Brustkorb, Kreislauf und Muskulatur spielten nicht mit." Der anfängliche Frust war bald vorbei. Er machte weiter. Bald schon schaffte er 100 Meter, dann 200. Die Strecken wurden immer länger und schließlich konnte er 10 km laufen.
Otto: "Das war wie bei Forrest Gump, ich dachte ‚Wahnsinn, du kannst laufen‘ und rannte immer weiter." Aus diesem Erfolgserlebnis resultierte ein völlig neues Körpergefühl. Aus dem Menschen mit Behinderung wurde ein Sportler. Fünf Jahre und eine Menge Trainingskilometer später lief Holger Otto den Köln-Marathon.

Überall anpacken können
Auch im betrieblichen Alltag wirkt sich Holger Ottos neue Beweglichkeit positiv aus. Durch Training und gleichmäßige Belastung ist der Körper wieder mehr im Gleichgewicht. Das kommt seiner Art, den Betrieb zu organisieren, sehr entgegen. Er sagt: "Entscheidend für mich ist, dass ich selbst eingreifen kann, wenn ich sehe, da fehlt was. Es gibt jetzt keinen Bereich mehr, wo ich das nicht tun könnte."
Seine Hauptaufgabe sieht er darin, die Kollegen bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Der promovierte Betriebswirt legt großen Wert auf Teamarbeit und ermutigt seine Mitarbeiter, Verantwortung zu übernehmen. Flache Hierarchien helfen dabei. Das Unternehmen und die Mitarbeiter sollen sich stetig weiterentwickeln können.
Über seine eigene Entwicklung ist er sehr froh. Die Arbeit im operativen Bereich macht ihm jetzt regelrecht Spaß: "Es ist auch so eine Art Sport für mich, wenn ich hinter der Theke des Biergartens vier Stunden Vollgas gebe. Damit jeder Gast ein perfekt gezapftes, kühles Bier bekommt."