17.03.2010, 22:18 Uhr
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Abfüllanlage
Keimfrei, aber nicht immer beschwerdefrei
BGN ermittelt Problemfelder bei der kaltaseptischen Abfüllung
Von Dr. Claudia SchuhAkzente 6/2009 | Magazin für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Rehabilitation
Die kaltaseptische Nassentkeimung beim Abfüllen von Getränken kann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Mitarbeiter führen. Die BGN ging möglichen Problemfeldern auf den Grund. Oft liegen sie im organisatorischen oder technischen Bereich.
Bei der kaltaseptischen Abfüllung von Getränken und flüssigen Nahrungsmitteln in Kunststoffflaschen werden Peressigsäure und Wasserstoffperoxid enthaltende Desinfektionsmittel in einer Konzentration zwischen 300 und 3.200 ppm (bezogen auf Peroxyessigsäure) eingesetzt. Dabei können Aerosole dieser chemischen Verbindungen in die Atemluft der Beschäftigten gelangen und bei bestimmten Konzentrationen zu Reizungen der Augen sowie Nasen- und Rachenschleimhäute führen. Auch Hautrötungen, Jucken an Händen und Gesicht, Hustenreiz, Tränenfluss und ein Kratzen im Hals kommen vor. Zudem fällt bei Tätigkeiten mit peroxyessigsäurehaltigen Desinfektionsmitteln immer wieder der stechende Geruch auf.
Wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen von Beschäftigten an kaltaseptischen Abfüllanlagen führten Mitarbeiter der BGN-Messstelle für Gefahrstoffe an zahlreichen Anlagen Expositionsmessungen durch.
Die Problemfelder
Aufgrund der bisherigen Erfahrungen der bgn und der aktuellen Messergebnisse ergeben sich in der Aseptik folgende Problemfelder:- Unzureichende Hallenlüftung
Zum Teil werden kaltaseptische Abfüllanlagen in Produktionshallen betrieben, die entweder keine technische Lüftung haben oder deren Lüftung nicht wirkungsvoll genug ist. Lokale Absaugungen können die Gefahrstoffe, die gasförmig und aerosolartig im Injektor/Sterilisator/Rinser freigesetzt werden, nicht vollständig erfassen. Eine Schwachstelle an den mit Überdruck betriebenen Abfüllanlagen sind zudem alle Öffnungen der Aseptikanlage. Hier kommt es zu hohen Gefahrstoffemissionen an offenen, nicht abgesaugten Flaschenein- und -ausläufen. Da die Anlagen zum Teil nicht komplett umkapselt sind und der Aseptikbereich nicht vollständig lüftungstechnisch erfasst wird, emittieren die Gefahrstoffe in den Arbeitsbereich der Beschäftigten. Bei mangelhaft wirkender Hallenlüftung verteilen sich die Gefahrstoffe auch an Nachbararbeitsplätze.
- Offene Anwendung
Ein weiterer Problembereich ist die offene Anwendung der Desinfektionsmittel im Arbeitsbereich. Ein Beispiel hierfür ist die Desinfektion des Auslaufbandes während der Sprühdesinfektion.
- Konstruktive Mängel
Grund für eine erhöhte Belastung für die Beschäftigten kann auch die ungünstige Anordnung der
Arbeitsplätze sein. Ungünstig ist z.B., wenn sich Bedienpult oder
Bedienmonitor in unmittelbarer Nähe des Flaschenauslaufbandes oder der Flaschendesinfektion befinden. Und zu Belastungen kommt es auch, wenn Kontrollarbeiten in Nähe von Emissionsquellen durchgeführt werden.
- Materialunverträglichkeit
Ungeeignete Dichtungsmaterialien an den Türen führen dazu, dass dort Desinfektionsmittel austritt und sich großflächig im Arbeitsbereich verteilt.
- Offene Ableitung von Brauchwasser und Desinfektionsmittel
Bei einigen Abfüllanlagen wurde insbesondere während der Außen- bzw. Sprühdesinfektion eine Desinfektionsmittelexposition im Arbeitsbereich in unmittelbarer Nähe der Gullys beobachtet. Hier können die Gefahrstoffe in die Atemluft der Beschäftigten gelangen, weil eine geschlossene Zuführung des desinfektionsmittelhaltigen Brauchwassers in die Gullys fehlt.
- Störungsbehebung
Sehr hohen Gefahrstoffkonzentrationen (bis zu 7 mg/m2 Peroxyessigsäure und 3 mg/m2 Wasserstoffperoxid) sind die Beschäftigten bei der Behebung von Störungen am Kappensterilisator und im aseptischen Bereich der Abfüllanlage ausgesetzt. Verantwortlich hierfür sind zum einen fehlende lokale Absaugungen und Zuhaltungen und zum anderen fehlende organisatorische Regelungen. Mangelhafte Organisation liegt z.B. vor, wenn nicht geklärt ist, ab wann und unter welchen Schutzvorkehrungen die Anlage geöffnet bzw. betreten werden darf.
BGN wendet sich an Hersteller
Einige der beschriebenen Problemfelder, wie Materialunverträglichkeit oder fehlende Absaugungen, gehen auf eine ungenügende Risikobeurteilung der Hersteller zurück. Die BGN nahm deswegen Kontakt zu den Anlagenherstellern auf. Im Arbeitskreis »Schnittstellenproblematik bei Aseptikanlagen« des vdma (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V.) stellte man die Erfahrungen und die Problemfelder vor. Außerdem verständigten sich die BGN und Hersteller aseptischer Abfüllanlagen darauf, gemeinsam Lösungsansätze zu erarbeiten.
Bei Fragen zu diesem Thema unterstützen wir Sie gerne.
Fon 0621 4456-3517
Betriebsanleitung anfordern
Alle Maßnahmen, die die Betreiber zu ergreifen oder zu berücksichtigen haben, legt der Maschinenhersteller in der Betriebsanleitung fest. Eine Aufstellbedingung zur Installation einer kaltaseptischen Abfüllanlage ist dabei z.B. eine technische Hallenlüftung. Bei der Planung von Neuanschaffungen und der Installation neuer Abfüllanlagen ist es ratsam, dass der Betreiber die Betriebsanleitung möglichst schon vor der Kaufentscheidung vom Hersteller anfordert. So kann er die Rahmenbedingungen und geforderten Maßnahmen frühzeitig berücksichtigen und mit einkalkulieren.
Gefahrstoffverordnung und Betriebssicherheitsverordnung verpflichten den Betreiber, eine Gefährdungsbeurteilung an den Arbeitsplätzen durchzuführen und festgestellte Mängel und Probleme zu beheben. Insbesondere organisatorische Regelungen und der
Einsatz geeigneter Persönlicher Schutzausrüstung bei der Behebung von Störungen liegen in seinem Zuständigkeitsbereich. Nach der Gewährleistungspflicht der Hersteller trägt der Betreiber die alleinige Verantwortung. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen an kaltaseptischen Anlagen ist Handlungsbedarf geboten und eine Gefährdungsbeurteilung erforderlich.
Arbeitsplatzgrenzwerte
Zurzeit gibt es für beide Peroxide keinen gültigen Arbeitsplatzgrenzwert.
Für Wasserstoffperoxid ist ein Grenzwert von 0,71 mg/m3 und ein Überschreitungsfaktor von 1 vorgeschlagen. Bis Ende 2005 lag der MAK-Wert bei 1,4 mg/m3.
Für Peroxyessigsäure ist eine im Vergleich zu Wasserstoffperoxid deutlich höhere Reizwirkung nachgewiesen.
Zum Thema »Kaltaseptik« findet am
20./21. Mai 2010 das BGN-Seminar »Effizient und sicher Getränke aseptisch abfüllen« im BGN-Ausbildungszentrum in Mannheim statt.
Infos: www.bgn.de
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