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Die Aufgabenkarten

Hier gibt’s kein Vertun

Der Notfallschrank bei Unilever in Heilbronn enthält alles, was in Notfällen Handlungssicherheit gewährleistet

von Anja Wolf
Akzente 3/2009 | Magazin für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Rehabilitation

Wenn im Werk das Signal zur Evakuierung ertönt, müssen die hierfür Verantwortlichen alle notwendigen Schritte schnell und souverän in die Wege leiten. Eine Aufgabe mit großer Verantwortung. Eine Aufgabe für starke Nerven. Denn jetzt ist absolute Handlungssicherheit gefragt. Doch wie kann man diese im Notfall, wenn alle Verantwortlichen unter Stress stehen, sicherstellen? Die Sicherheitsabteilung im Unilever-Werk Heilbronn hatte eine einfache wie gute Idee: den Notfallschrank. Das Unternehmen erhielt dafür den Präventionspreis 2008 der BGN.


Ausnahmezustand im Unilever Werk Heilbronn. Ein Notruf wurde abgesetzt. Alle Führungskräfte im Werk sind per SMS alarmiert. Thomas Klauss, Fachkraft für Arbeitssicherheit, erreicht die Sammelstelle für Führungskräfte als Erster. Aus der Zentrale erfährt er: Rauchentwicklung in der Suppenfabrik. Das Gebäude muss evakuiert werden. Thomas Klauss schließt den Notfallschrank auf und zieht eine gelbe Warnweste über den Werkskittel. Auf seinem Rücken steht jetzt: Einsatzleiter. Er greift sich die gelben Karten für das betroffene Gebäude aus dem Schrank. Inzwischen sind auch seine Kollegen eingetroffen. Thomas Klauss händigt jedem der Helfer eine Warnweste, ein Sprechfunkgerät und eine Aufgabenkarte aus. Darauf sind Ablauf und Aufgabenverteilung klar vorgegeben. Somit weiß jeder einzelne Helfer, was er in welcher Reihenfolge tun muss. Denn alle notwendigen Schritte stehen auf seiner Karte. Das gibt Sicherheit. Vor drei Jahren war das noch anders.

Mängel aufdecken
Schon damals gab es die Regelung, dass der Verantwortliche, der zuerst an der Sammelstelle eintrifft, die Einsatzleitung übernimmt. Er ist zuständig für die Aufgabenverteilung und für
Bild: Schlüsselübergabe
den gesamten Ablauf der Evakuierung. Klaus Schenk, Managementbeauftragter für den Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, erzählt: »Niemand wollte bei einer Übung als Erster an der Sammelstelle für Führungskräfte eintreffen. Wir fragten uns natürlich, warum ist das so, und fanden heraus: Die Führungskräfte wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Wir fanden aber noch weitere Defizite bei den Evakuierungsübungen heraus.« Ein weiterer Schwachpunkt war: Die Termine der Evakuierungsübungen waren bekannt. Und so haben sich die Mitarbeiter schon vorher in der Kantine versammelt. Nicht wenige empfanden die Übung als lästige Störung. Man stellte die Ernsthaftigkeit solcher Übungen in Frage. Es war an der Zeit, das bisherige Prozedere grundsätzlich zu hinterfragen und zu verbessern.

Fragen stellen
Das Sicherheitsteam setzte sich zusammen und analysierte systematisch die Bedingungen im Werk. Welche Notfälle können eintreten? Welche Maßnahmen müssen in welchem Fall getroffen werden? Welche Besonderheiten sind in den verschiedenen Werksteilen zu berücksichtigen? Welche Schritte müssen in welcher Reihenfolge erfolgen? Die Ergebnisse fassten sie unter anderem in einem Notfall-Handbuch zusammen. Es enthält Anleitungen für verschiedene Kategorien von Notfällen und Störungen wie z.B. Gasaustritt, Brandentwicklung, schweres Unwetter. Im Handbuch ist auch geregelt, wann eine Evakuierung notwendig ist. Für den Ablauf jeder Evakuierung formulierte das Team konkrete Handlungsanweisungen. Sie sind im Notfallschrank als Aufgabenkarten hinterlegt.

Antworten geben
Thomas Klauss, Kuno Wörner, Klaus Schenk
Die Vordenker des Notfallschranks (v.l.n.r.): Thomas Klauss, Kuno Wörner, Klaus Schenk
Das Konzept des Notfallschranks ist einfach und effektiv. Für jedes Werksgebäude steht ein Set von Aufgabenkarten zur Verfügung. Die Aufgaben sind knapp und deutlich formuliert. Alle Maßnahmen, die für den Ablauf der Evakuierung notwendig sind, werden Schritt für Schritt beschrieben. Kuno Wörner, Brand- und Explosionsschutzbeauftragter im Werk Heilbronn, erläutert: »Wir haben festgestellt, dass Menschen solche Orientierungshilfen brauchen. Insbesondere wenn Stress und Hektik im Spiel sind. Auf den Karten können sie sofort erfassen, was zu tun ist und wer das Sagen hat.« Für die reibungslose Kommunikation auf dem Werksgelände wird jeder Einsatzhelfer mit einem Funkgerät ausgestattet, bei Bedarf zusätzlich mit einer Lampe. Hierarchien sind im Notfall nachrangig. Es gilt die Vorgabe:
Jeder sollte die Notfallmaßnahmen beherrschen. Abends sind kaum noch Führungskräfte im Werk. Auch dann muss sichergestellt sein, dass eine Evakuierung schnell und koordiniert abläuft.

DER UNILEVER-NOTFALLSCHRANK
Er enthält:
Übersichtsplan mit Gebäuden und Evakuierungsbereichen
Gebäudepläne mit Informationen und Aufgabenkarten für jedes
Werksgebäude für die Einsatzleitung
Aufgabenkarten für jedes Werksgebäude für die Einsatzhelfer
Liste mit Notrufnummern
Notfall-Handbuch
Warnwesten
Sprechfunkgeräte
Taschenlampen
Megafon
Der Schrank ist verschlossen. Der Schlüssel befindet sich in einem
zentralen Schlüsselkasten. Der Inhalt des Notfallschranks wird regelmäßig kontrolliert.

Ergebnisse überprüfen
Das Konzept des Notfallschranks ist aufgegangen. Kein Einsatzhelfer
Bild: Der Notfallschrank
scheut sich mehr, der Erste an dieser Sammelstelle zu sein oder etwas falsch zu machen. Die Evakuierungen funktionieren. Dennoch ist jeder Einsatz aufs Neue daraufhin zu überprüfen, was man noch besser machen kann. So wird manche Maßnahme noch präziser formuliert und festgestellte Besonderheiten werden ergänzt. Externe Fachleute, z.B. Vertreter der Feuerwehr, kommen zu den Evakuierungsübungen dazu und bereichern die firmeneigenen Erfahrungen und Erkenntnisse.
Das alles hat dazu geführt, dass die Proben für den Ernstfall heute ernst genommen werden. Bei den Mitarbeitern hat ein Umdenken stattgefunden. Sie sind für das Thema sensibilisiert und murren bei Evakuierungsübungen nicht mehr. Sie haben verstanden, dass es um ihre Sicherheit geht.
Wenn heute bei Thomas Klauss eine firmeninterne Notfallmeldung auf dem Handy eingeht, weiß er zunächst nicht, ob es sich um einen Notfall oder um eine Übung handelt. Er erklärt: »Das weiß nur der Chef. Wir haben das so vereinbart. Einmal im Jahr drückt er auf den Knopf.« Und seitdem lief jede Übung wie geschmiert. Das gibt Sicherheit für den Ernstfall.

Die BGN honorierte die Idee des Notfallschranks als zentrales Instrument vorbildlicher Notfallorganisation mit dem Präventionspreis 2008 in der Kategorie »Organisation und Motivation«.

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